Hahnenschrei Juni/Juli/August
Andacht
Jesus Christus spricht: Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. (Joh 10,10)
Dieser Vers ist ein wunderbarer Zuspruch: Jesus ist gekommen, um uns Leben in Fülle zu schenken. Solche Worte hören wir gern. Gleichzeitig können einseitige Aussagen und romantisierte Gottesbilder dazu führen, dass Menschen ihren Glauben enttäuscht aufgeben, einfach weil sich diese unvollständigen Erwartungen im Alltag nicht erfüllen. Viele Menschen verlieren ihren Glauben nicht wegen Gott, sondern wegen ihren falschen Erwartungen und eigenen Vorstellungen, die nicht tragfähig und biblisch verankert waren.
Denn die Bibel spricht oft wesentlich komplexer und ausgewogener, als die oft einseitigen, idyllischen Gottesbilder, die wir uns gern zurechtlegen. Hier im Kontext finden wir beispielsweise noch Diebe, Räuber, fremde Stimmen, falsche Hirten, Mietlinge und Wölfe als Urfeinde der Schafe. Auch die Reaktionen auf Jesu Worte waren alles andere als harmonisch: Statt Zustimmung gab es heftige Auseinandersetzungen und manche warfen ihm vor, er sei von Sinnen oder dämonisch besessen. 
Darum erinnere ich daran, sich in allen Situationen ein eigenes, möglichst umfassendes Bild zu machen, statt vorschnell und womöglich einseitig zu urteilen. Dazu gehört auch, traditionelle Gottesvorstellungen auf den Prüfstand zu stellen und kritisch zu hinterfragen. Jesus könnte wesentlich frischer und überraschender sein, als wir es oft annehmen.
Was Jesus hier verheißt, ist kein irdischer Wohlstand und auch keine Garantie für Gesundheit, sondern ein innerer Friede, Freude, die Gemeinschaft mit Gott und die Gewissheit des ewigen Lebens. Das ist viel mehr als materieller Gewinn. Solch eine innere Fülle, Friede und Freude wächst, indem der Christ lernt, die „Räuber“ seines Lebens zu erkennen. Die Bibel nennt sie Sünden. Wer sie bewusst wahrnimmt, benennt und überwindet, öffnet sich für das Leben, das Jesus schenken will.
Wir können nicht im Schutz des guten Hirten leben und gleichzeitig den Räubern die Tür offenlassen. Die Verheißungen Jesu stehen immer im Zusammenhang mit Umkehr. Wo wir uns ehrlich von dem lösen, was uns von Gott trennt, öffnet sich unser Herz für das, was heilt und frei macht, sodass die Fülle Gottes und sein Lebensstrom frisch und erquickend durch uns fließen kann.
Pfr. Martin Wappler








